Eine Erinnerungsreise auf den Spuren eines niederländischen Widerstandskämpfers

Mit einem Bild begann alles.

Bild: Facebookseite der Gedenkstätte KZ Engerhafe

Im Spätsommer 2023 entdeckte ich auf Facebook ein Foto aus der Kirche von Engerhafe. Vor dem Altar standen schwarze Tafeln mit den Namen der Menschen, die im KZ-Außenlager Engerhafe ums Leben gekommen waren.

Auf einer dieser Tafeln las ich den Namen: Lammert Wever.

Wever, Wewer, Weber – so hießen auch meine ostfriesischen Vorfahren. Deshalb fragte ich mich zunächst, ob Lammert ein vergessener Angehöriger meiner Familie gewesen sein könnte. Aus dieser Frage entstand eine Spurensuche, die mich zu Archiven, Gedenkstätten und schließlich zu Lammerts Familie führte.

Lammert Wever wurde 1909 in Leeuwarden geboren. Er lebte mit seiner Frau Maartje und seinen beiden Kindern in Amsterdam und arbeitete für die Stadtverwaltung. Während der deutschen Besatzung schloss er sich dem niederländischen Widerstand an.

Am 24. März 1944 wurde er verhaftet.


Der Weg, den Lammert Wever gehen musste

Amsterdam → Scheveningen/Den Haag → Vught → Sachsenhausen → Neuengamme → Engerhafe

Von Amsterdam in das „Oranjehotel“

Am 24. März 1944 wurde der niederländische Widerstandskämpfer Lammert Wever in Amsterdam verhaftet. Mit diesem Tag begann für ihn ein Leidensweg durch Gefängnisse und Konzentrationslager des nationalsozialistischen Terrorapparates – ein Weg, der ihn schließlich bis nach Ostfriesland führen sollte.

Über die ersten Tage nach seiner Festnahme ist bislang nur wenig bekannt. Vermutlich wurde Lammert zunächst in einem der Amsterdamer Gefängnisse des Sicherheitsdienstes der SS festgehalten. Dort dürfte er verhört worden sein. Was während dieser Tage mit ihm geschah, welche Fragen man ihm stellte und welcher Gewalt oder Einschüchterung er ausgesetzt war, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren.

Anschließend wurde Lammert nach Scheveningen bei Den Haag gebracht. Sein Ziel war das Polizeigefängnis, das während der deutschen Besatzung unter einem besonderen Namen bekannt wurde: das „Oranjehotel“.

Dieser beinahe freundlich klingende Name täuscht. Das Oranjehotel war kein Hotel, sondern ein Gefängnis der nationalsozialistischen Besatzungsmacht. Rund 25.000 Menschen aus allen Teilen der Niederlande wurden dort zwischen 1940 und 1945 festgehalten, verhört und vielfach verurteilt. Unter ihnen befanden sich Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer, Jüdinnen und Juden, Zeugen Jehovas, Kommunisten und andere politische Gefangene. Auch Menschen, denen Schwarzhandel oder andere von den Besatzern definierte Vergehen vorgeworfen wurden, waren dort inhaftiert.

Bereits während des Krieges nannten die Niederländer das Gefängnis voller Respekt „Oranjehotel“. Der Name war ein stiller Ehrerweis für jene Menschen, die wegen ihres Widerstandes gegen Unterdrückung, Verfolgung und Besatzung hinter seinen Mauern gefangen gehalten wurden. „Oranje“ stand dabei für das niederländische Königshaus – und zugleich für die Hoffnung auf ein freies Land.

Auch Lammert Wever war nun einer von ihnen. Hinter den Mauern des Oranjehotels verlor er seine Freiheit, aber nicht die Bedeutung seines Handelns. Sein Weg durch das nationalsozialistische Haft- und Lagersystem hatte gerade erst begonnen.

Die nächste Station: das Konzentrationslager Vught

Nach seiner Gefangenschaft im Oranjehotel wurde Lammert Wever in das Konzentrationslager Herzogenbusch bei Vught verschleppt. Es war die nächste Station auf seinem Leidensweg – und ein weiterer Schritt hinein in das nationalsozialistische System aus Verfolgung, Zwangsarbeit und Gewalt.

Das Konzentrationslager Herzogenbusch, in den Niederlanden meist „Kamp Vught“ genannt, war während des Zweiten Weltkrieges das einzige Konzentrationslager in den besetzten Niederlanden, das unmittelbar von der SS geführt wurde. Menschen aus mehr als 36 Nationen wurden dort gefangen gehalten. Unter ihnen waren Jüdinnen und Juden, politische Gefangene, Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer sowie zahlreiche weitere Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.

Auch Lammert Wever wurde hier seiner Freiheit, seines Namens und seiner persönlichen Rechte beraubt. Er war nun nicht mehr nur ein Gefangener, sondern Teil eines menschenverachtenden Systems, das den Einzelnen entwürdigen, brechen und ausbeuten sollte.

Welche Erfahrungen Lammert während seiner Haft in Vught machen musste, können wir bislang nicht vollständig rekonstruieren. Doch sein Name steht stellvertretend für ein persönliches Schicksal hinter den großen Zahlen: für einen Menschen mit einer Familie, einer Heimat und einem eigenen Leben – und für einen Niederländer, der den Mut aufbrachte, sich der deutschen Besatzung zu widersetzen.

Heute befindet sich auf dem historischen Gelände die KZ-Gedenkstätte Vught. Ihre Dauerausstellung gibt den Ereignissen und Opferzahlen eine persönliche Dimension. Sie erzählt die Geschichten einzelner Menschen aus zahlreichen Ländern und bewahrt damit ihre Namen, ihre Lebenswege und ihre Erinnerung.

Auch die Geschichte Lammert Wevers gehört zu ihnen.

Seine Gefangenschaft in Vught war jedoch noch nicht das Ende seines Weges. Von hier aus wurde er weiter in das nationalsozialistische Lagersystem verschleppt – fort aus den Niederlanden, in das Deutsche Reich.

Verschleppt nach Sachsenhausen

Von Vught aus wurde Lammert Wever mit einem Gefangenentransport in das Deutsche Reich verschleppt. Das Ziel war das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg, nördlich von Berlin.

Mit diesem Transport wurde Lammert endgültig aus seiner Heimat gerissen. Wie lange die Fahrt dauerte und unter welchen Bedingungen sie stattfand, ist bislang nicht bekannt. Transporte von KZ-Häftlingen bedeuteten jedoch meist Enge, Hunger, Durst, Angst und völlige Ungewissheit. Die Gefangenen wussten häufig weder, wohin sie gebracht wurden, noch welches Schicksal sie am Ziel erwartete.

Das Konzentrationslager Sachsenhausen war im Sommer 1936 von Häftlingen aus den Emslandlagern errichtet worden. Es war die erste Neugründung eines Konzentrationslagers, nachdem Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, im Juli 1936 zum Chef der Deutschen Polizei ernannt worden war.

Ein SS-Architekt hatte die Anlage am Reißbrett entworfen. Sachsenhausen sollte nach den Vorstellungen der SS als „idealtypisches“ Konzentrationslager dienen. Selbst die Architektur war Teil des Terrors: Die Anordnung der Gebäude sollte die Gefangenen auch symbolisch der scheinbar allgegenwärtigen und absoluten Macht der SS unterwerfen.

Sachsenhausen war nicht nur ein Konzentrationslager, sondern zugleich ein Modell- und Schulungslager für die SS. Wegen seiner unmittelbaren Nähe zur Reichshauptstadt Berlin nahm es innerhalb des nationalsozialistischen Lagersystems eine besondere Stellung ein. Im Jahr 1938 wurde zudem die „Inspektion der Konzentrationslager“, die zentrale Verwaltungsstelle für sämtliche Konzentrationslager im deutschen Machtbereich, nach Oranienburg verlegt.

Was von der SS als „Modelllager“ bezeichnet wurde, bedeutete für die Gefangenen systematische Entrechtung, Gewalt, Zwangsarbeit, Hunger und Tod. Hinter der scheinbar geordneten Anlage verbarg sich ein genau organisierter Terrorapparat.

In dieses System geriet nun auch Lammert Wever. Aus dem Amsterdamer Bürger und niederländischen Widerstandskämpfer sollte ein namenloser Häftling werden – erfasst, registriert und der Gewalt der SS ausgeliefert.

Doch hinter der Häftlingsnummer blieb ein Mensch: Lammert Wever. Ein Mann mit einer Familie, einer Herkunft und einer Geschichte. Daran soll dieses Gedenkprojekt erinnern.

Auch Sachsenhausen war nicht die letzte Station seines Leidensweges. Von dort wurde Lammert weiter in das Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg verschleppt.

Neuengamme – die nächste Station seines Leidensweges

Vom Konzentrationslager Sachsenhausen wurde Lammert Wever weiter nach Neuengamme bei Hamburg verschleppt. Erneut musste er einen Gefangenentransport über sich ergehen lassen. Erneut wurde er an einen unbekannten Ort gebracht, ohne zu wissen, was ihn dort erwartete.

Das Konzentrationslager Neuengamme bestand von 1938 bis 1945. Es entwickelte sich zum Mittelpunkt eines weit verzweigten Systems aus Hauptlager und zahlreichen Außenlagern. Mehr als 100.000 Menschen aus ganz Europa wurden in diesem Lagerkomplex gefangen gehalten. Sie wurden entrechtet, misshandelt und zur Arbeit gezwungen. Mindestens 42.900 von ihnen überlebten die nationalsozialistische Verfolgung nicht.

Unter den Gefangenen befanden sich Menschen vieler Nationen und unterschiedlicher Herkunft: Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer, politische Gegner des Nationalsozialismus, Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und zahlreiche weitere Verfolgte.

Einer von ihnen war Lammert Wever.

Auch in Neuengamme wurde er Teil eines Systems, das Menschen nicht als Individuen betrachtete, sondern als Gefangene, Nummern und verfügbare Arbeitskräfte. Hunger, Krankheiten, Gewalt, fehlende medizinische Versorgung und die völlige Willkür der SS bestimmten den Alltag der Häftlinge.

Welche konkreten Arbeiten Lammert verrichten musste und wie lange er sich im Hauptlager Neuengamme aufhielt, muss durch weitere Quellen geklärt werden. Sicher ist jedoch: Neuengamme war für ihn nicht das Ende seines Weges. Von hier aus wurde er weiter in eines der Außenlager gebracht.

Sein Weg führte ihn nach Engerhafe in Ostfriesland.

Heute erinnert die KZ-Gedenkstätte Neuengamme am historischen Ort an die mehr als 100.000 Menschen, die dort und in den Außenlagern gefangen gehalten wurden. Sie bewahrt ihre Namen und Geschichten und macht sichtbar, dass hinter jeder Zahl ein einzelner Mensch stand.

Lammert Wever war einer dieser Menschen.

Seine Geschichte verbindet Amsterdam, Scheveningen, Vught, Sachsenhausen, Neuengamme und schließlich Engerhafe. Es ist die Geschichte eines niederländischen Widerstandskämpfers – und zugleich die Geschichte eines Menschen, dem die Nationalsozialisten seine Freiheit, seine Würde und am Ende sein Leben nehmen wollten.

Die Erinnerung an ihn konnten sie nicht auslöschen.

Engerhafe – die letzte Station

Vom Konzentrationslager Neuengamme wurde Lammert Wever in das Außenlager Engerhafe in Ostfriesland gebracht. Das Lager bestand nur wenige Monate, von Oktober bis Dezember 1944. Seine Häftlinge mussten unter unmenschlichen Bedingungen Panzergräben für den sogenannten Friesenwall ausheben.

Hunger, Kälte, Krankheiten, Misshandlungen und völlige Erschöpfung bestimmten ihren Alltag. Innerhalb weniger Wochen starben zahlreiche Gefangene. Auch Lammert Wever überlebte Engerhafe nicht.

Am 28. November 1944 starb Lammert im Alter von nur 34 Jahren.

Heute erinnern die KZ-Gedenkstätte und die Namenstafeln an der Kirche von Engerhafe an die Opfer. Dort befindet sich auch Lammerts Name. Von dieser Namenstafel aus begann die Spurensuche nach seinem Leben – und die gedankliche Rückverfolgung seines Leidensweges von Engerhafe bis nach Amsterdam.

Die Nationalsozialisten nahmen Lammert Wever das Leben. Dieses Gedenkprojekt möchte ihm seine Geschichte und seinen Namen zurückgeben.


Stolperstein

Am 20. März 2026 kehrte sein Name symbolisch an den Ort seines früheren Lebens zurück:

Vor seinem ehemaligen Wohnhaus in der Frederik Hendrikstraat 49 in Amsterdam wurde im Beisein seiner aus den USA angereisten Angehörigen ein Stolperstein verlegt.

Doch die Spurensuche soll damit nicht enden.

Wenn meine Gesundheit und meine Kräfte es zulassen, möchte ich Lammerts Weg mit der Bahn nachreisen, die damaligen Haft- und Lagerorte besuchen und mit den Menschen sprechen, die dort heute die Erinnerung bewahren. Diese Reise möchte ich dokumentieren – für seine Nachfahren, für kommende Generationen und für alle, die verstehen wollen, wohin Entrechtung, Verfolgung und das Wegsehen führen können.

Es soll keine Reise in die Dunkelheit werden, sondern eine Reise gegen das Vergessen.

Was mit einem Namen auf einer schwarzen Tafel begann, soll Lammert seine Geschichte und seine Würde zurückgeben.

Sein Name bleibt – im Stein, in der Straße und in unserer Erinnerung.


Ein Leben beginnt

Es ist fünf Uhr am Morgen des 8. Dezember 1909. In Leeuwarden, der Hauptstadt der niederländischen Provinz Friesland, wird ein Junge geboren. Seine Eltern, der 27-jährige Arbeiter Wybe Wever und seine 25-jährige Ehefrau Aukje Veenstra, geben ihm den Namen:

Lammert.

Noch am selben Tag tritt sein Vater vor den Standesbeamten und meldet die Geburt seines Sohnes an. Begleitet wird er von zwei Männern aus Leeuwarden: dem 39-jährigen Eisenbahnarbeiter Sjoerd Nijs und dem 33-jährigen Arbeiter Albert Hoekstra. Nachdem die Urkunde vorgelesen worden ist, setzen der Vater, die beiden Zeugen und der Standesbeamte ihre Unterschriften darunter.

Es ist ein alltäglicher behördlicher Vorgang – und zugleich der erste schriftlich überlieferte Augenblick im Leben Lammert Wevers.

Niemand der Anwesenden konnte damals ahnen, welchen Weg dieses Kind einmal gehen würde: von Leeuwarden nach Amsterdam, in den niederländischen Widerstand und schließlich durch die Gefängnisse und Konzentrationslager des nationalsozialistischen Terrors.

Doch an diesem Dezembermorgen des Jahres 1909 beginnt zunächst einfach das Leben eines Menschen.

Sein Name ist Lammert Wever.


Fortsetzung folgt.